Auf dem Weg in eine nachhaltige Stadt
Kategorie: KulturSchreiben an OB Dr. Dieter Salomon und Bürgermeister Ulrich von Kirchbach vom 08.06.2011
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Bürgermeister von Kirchbach,
das Experten-Hearing am 25.05.2011 hat deutlich gezeigt, dass das bislang erarbeitete Papier zu einer Leitidee für eine Bewerbung Freiburgs als Europäische Kulturhauptstadt 2020 ungeeignet ist. Die Experten haben die Einschätzung unserer Fraktion bestätigt, dass das Papier keine Idee oder Vision aufzeigt, die klarmacht, wie gerade die Stadt Freiburg beispielgebend für die Europäische Stadt im 21. Jahrhundert werden könnte. Die Aufgabe der Stadt als spezifische Form menschlichen Zusammenlebens, wie auch die Rolle von Kunst und Kultur in Zeiten globaler Bedrohungen und Veränderungsprozesse wurden nicht einmal angerissen.
Wir halten den von der Verwaltung begonnenen Prozess zur Findung einer Leitidee in der bisherigen Form für gescheitert und sehen auch keinen Sinn darin, den Prozess durch Einbeziehung noch weiterer Persönlichkeiten und Gruppierungen fortzusetzen. Wie Claus Leggewie so treffend formuliert hat, entstehen Ideen mit Strahlkraft nicht in Arbeitsgruppen.
Die wichtigste Erkenntnis des Experten-Hearings vom 25.05.2011 war, dass Freiburg sehr wohl einen gewichtigen Impuls geben kann, um eine gesamteuropäische Debatte anzustoßen. Freiburg mit seinem weltweit verbreiteten Ruf als Stadt der Nachhaltigkeit oder neudeutsch „Green City“ kann sich glaubhaft auf die Suche nach Antworten auf die Frage begeben, wie ein „gutes Leben“ in einer europäischen Stadt angesichts der Zumutungen des Klimaschutzes aussehen kann. Wie lässt sich das Spannungsverhältnis lösen zwischen den Einschränkungen, die eine vernünftige Lebensweise fordert, und dem Freiheitsanspruch des Einzelnen? Kann ein „Weniger“ im Verbrauch der nur endlich vorhandenen Ressourcen“ tatsächlich auch ein „Mehr“ an Lebensqualität sein? Was eigentlich ist „Lebensqualität“? Und welche Kenntnisse und Fertigkeiten brauchen unsere Kinder, um den globalen Bedrohungen zu begegnen und im Lebensalltag zukünftiger Jahrzehnte bestehen zu können?
Das ist unserer Meinung nach übrigens keine „Ökonummer“ – wie Sie jüngst von der Badischen Zeitung zitiert wurden –, der die übrigen im Gemeinderat vertretenen Parteien nicht zustimmen könnten. Die Bewahrung der Schöpfung gehört zum Grundkanon christlicher Überzeugungen, sodass es der CDU gut anstünde, den Weg in eine Stadt der Nachhaltigkeit mitzugehen. Und die Frage des „guten Lebens“ ist nicht nur ein Programm für Intellektuelle oder Besserverdienende, sie stellt sich nicht nur in Herdern oder in der Wiehre, sondern gerade auch in Stadtteilen wie Weingarten oder Brühl-Beurbarung. Wir werden diese Frage für alle Menschen beantworten müssen, oder wir werden an dieser Frage scheitern.
Aber wie jetzt weiter vorangehen? Wir denken, dass das Voranschreiten zu einer Stadt der Nachhaltigkeit nicht ausschließlich Sache des Kulturdezernats oder des Kulturamts sein kann. Unabhängig von der unglücklich verlaufenen Suche nach einer Leitidee sind dort erkennbar zu wenig Kenntnisse über die tatsächlichen Anforderungen von Klimaschutz und Ressourcenschonung vorhanden. Die Fragestellung übersteigt auch das punktuelle Vorhaben einer Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt, sondern sollte völlig unabhängig von diesem Ereignis gesamtstädtisch angegangen werden. Ob sich im Verlauf des Prozesses eine Bewerbung Freiburgs zur Europäischen Kulturhauptstadt aufdrängt, oder ob ein ganz anderes Format gefunden werden muss, um diesen für Freiburg so wichtigen Prozess zu befördern, ist unserer Meinung nach völlig offen.
Dabei glauben wir nicht, dass dieser Prozess top-down von der Verwaltung geregelt werden kann. Vielmehr müssen die Akteure aus der Umweltpolitik, also ArchitektInnen, ProjektentwicklerInnen, HeizungsbauerInnen, FörsterInnen, LandschaftsplanerInnen, VerkehrsplanerInnen, ArtenschützerInnen usw. usf. überhaupt erst einmal zu ihren Vorstellungen befragt und ins Gespräch gebracht werden mit den AkteurInnen auf dem Feld von Kunst und Kultur. Weiter wünschen wir uns gerade von Seiten der Kunst neue Anstöße für eine gesellschaftliche Diskussion der Frage nach dem „guten Leben“. Dabei braucht es keine aufwändigen Events, die den Großteil der Bevölkerung nicht erreichen und letztendlich wirkungslos verpuffen, sondern einen Prozess, der tendenziell allen Menschen in Freiburg nahebringt, dass sie gemeint sind, dass diese Fragestellung sie etwas angeht.
Wir wollen einen neuen Anfang machen und diskutieren das Thema in unserem nächsten „Grünen Salon“, der am Sonntag, den 10. Juli 2011 um 11.10 Uhr im Theatersaal der Volkshochschule stattfindet. Die Veranstaltung trägt den Titel:
„Mission Impossible“
Von Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten im Verhältnis
von Kunst und Ökologie
Es diskutieren Adrienne Göhler, Barbara Mundel und Gerhard Oesten.
Mit freundlichen Grüßen
Maria Viethen
Pia Federer
Dr. Maria Hehn
Tilo Buchholz
Tim Simms





